Norddeutsche Vereinsmeisterschaften u16w in Hamburg

Etwas Glück und dann die Sensation

Es war ohne Zweifel keine einfache Entscheidung, unsere Mädchen, immerhin aktueller Landesmeister in der AK u16w, zur Norddeutschen Vereinsmeisterschaft anzumelden. Der Mannschaftsspielleiter der LSJ hatte dies nämlich glatt vergessen. Die Antwort des Veranstalters, dem Hamburger SK, kam prompt: wir freuen uns auf Euch! Blickte man dann aber auf das Teilnehmerfeld der sechs Mannschaften, wusste man sofort, eine sehr schwere Aufgabe für Nelly, Annabelle, Maria, Sariana und Anika. Ziel war deshalb nicht die Quali für die DVM sondern Partien gegen sehr gute Gegner zu spielen.
Dann kam die kurzfristige Absage des Lübecker SV durch die Erkrankung von Spielerinnen und plötzlich war sie da, die Chance Vierter zu werden. Ich konnte zunächst leider nicht mit den Mädchen reisen, aber es hatten sich ja zwei Muttis gefunden, die für Quartier sorgten und schließlich die Reise nach Hamburg antraten. Sofort kam die SMS-Nachricht: „Alle gut angekommen.“
Im Turnier anzukommen war dann weniger einfach, hieß doch der erste Gegner gleich Hamburger SK von 1830, die Gastgeberinnen. Erbarmungslos wurden der Mannschaft hier die Schwächen an den Brettern 2-4 aufgezeigt. Sariana Hesse unterlag nach nur knapp zwei Stunden Anika Einacker. Aufs Brett kam italienisch und Sariana meinte, einfach mal so, zwei Figuren unberechtigt und nicht richtig durchdacht, zwei Figuren opfern zu müssen. Dazu kamen im Mittelspiel noch grobe Fehler und das Team lag schnell zurück. Annabelle Fiedler bekam schon in der Eröffnung gegen Alissa Wartenberg (immerhin 10. der DEM u14w 2022!) erhebliche Probleme, hatte nach 8 Zügen eine Figur weniger und gab schließlich zwei Züge vor dem Matt, nach 46 Zügen auf. Maria Seibicke, am 3. Brett, begann in einer interessanten Partie eigentlich gut, doch einige ungenaue Züge im Damengambit und eine übersehene Drohung mach nach dreieinhalb Stunden die Mannschaftsniederlage perfekt. „Nelly remis“, hieß SMS Nummer 2. Nelly Adelmeyer traf am Spitzenbrett auf Gastspielerin Charlotte Hubert (übrigens 8. der DEM u16w 2022, mit Siegen über Anastasia Voigt und Charlotte Derling!). Nelly bezeichnete die Partie als „langweilig“, doch so öde war die Partie gar nicht, dann zunächst war Charlotte Hubert besser (+2,0 nach 16 Zügen!). Doch Nellys gutes Gegenspiel führte letztlich zu ihrem berechtigten Remisangebot nach dreieinhalb Stunden (also nach Marias Niederlage) im 32. Zug und so gab es wenigsten noch einen halben „Ehrenpunkt“.
Ach so, einen Sieg gab es ja auch noch! Anika Schmitz gewann ihre erste Partie bei den Ersatzspielerinnen gegen Christiana Patricia Grozea (TSG Oberschöneweide/ DWZ: 1059), übrigens auch nach dreieinhalb Stunden.
Mit dieser deutlichen Niederlage ging es in die entscheidende Partie gegen TuS Makabi Rostock. Für die Mannschaft aus Mecklenburg/Vorpommern war es die erste Turnierbegegnung, waren sie doch in der 1. Runde spielfrei.
Anika „rutschte“ für Sariana ins Team und Sariana unterlag bei den Ersatzspielerinnen sehr schnell. Doch auch der eigentliche Wettkampf um Platz 4 begann nicht gut. Maria hatte, nach wieder gutem Beginn, dem aggressiven Spiel ihrer Gegnerin am Königsflügel nichts entgegenzusetzen und wurde nach zwei Stunden und 35 Zügen Matt gesetzt.

Annabelle

Annabelle

Eigentlich ohne Chance war zu dieser Zeit auch Annabelle dieses Mal mit Weiß am 2. Brett. Bereits im 10. Zug stand sie mit 4,4 im Minus. Das ideenreiche schwarze Angriffsspiel führte dazu, dass ihre Gegnerin, Julika Janssen, (nach 30 Zügen: +7,5) und später einen ganzen Turm mehr hatte und das Matt am „Zweiten“ eigentlich nur eine Frage der Zeit war, zumal auch hier relativ schnell gespielt wurde. Doch plötzlich hatte Annabelle einen „Geistesblitz“ (35. Df5). Sie hoffte darauf, dass ihre Gegnerin sich ihrer Sache sehr sicher war. Und nach dem müden 35. …De3 fand Annabelle tatsächlich das Dauerschach! Seither nennt man sie nur noch „Dauerschachkönigin“! Es stand 0,5:1,5. Doch dieser halbe Punktgewinn am 2. Brett motivierte scheinbar das gesamte Quartett. Nach knapp 3 Stunden schaffte Nelly, nach einer souverän geführter Partie mit starker Dame, den Ausgleich und nun hing der Ausgang an Anika.
Auch sie begann spielerisch zunächst nicht gut gegen Mila Urban (DWZ: 991), hatte praktisch eine Figur weniger (4 Bauerneinheiten und –7,0 nach 35 Zügen!!). Doch dann stelle die Rostockerin plötzlich, im 41. Zug, einen Turm einzügig ein und die Partie kippte sofort. Am Ende gewann Anika mit zwei Damen und machte den glücklichen 2,5:1,5 Sieg unter großem Jubel perfekt. Ich erfuhr das „nackte“ Ergebnis zunächst nur am Telefon und dann waren unsere Mädchen erstmal spielfrei und konnte ausschlafen.
Doch diesem Erfolg folgte der schwächste Auftritt des Teams gegen den späteren Norddeutschen Meister, Königsjäger Süd-West. Gegen die (West) Berliner war einfach an allen Brettern „der Wurm drin“.
Wieder unterlag Sariana als erste, nach nur 100 Minuten. Bei Abtausch im Zentrum verlor sie im Mittelspiel einen Turm und musste dann schnell aufgeben.
Maria, in dieser Runde am 2. Brett, bezeichnete ihre Partie als „ihre beste…“ gegen Luise Schmidt (DWZ: 1401). Tatsächlich hielt sie 25 Züge gut mit. Doch vor allem ein Rechenfehler kostete die Dame führte zur Aufgabe nach 31 Zügen. Auch bei Nelly reichte ein ungenauer Zug (den sie in der Analyse auch selbst fand) gegen Daria Pikki (DWZ: 1695 und Sieg gegen Charlotte Hubert zum DEM-Auftakt 2022!) um in Nachteil zu geraten. Bei ihrer Aufgabe im 37. Zug hatte sie, im Leichtfigurenendspiel, eine Figur weniger und stand deutlich im Minus.
Doch auch in dieser Begegnung hätte es durchaus einen halben „Ehrenpunkt“ geben können. Anika hielt sich eigentlich gegen Medina Altuve (DWZ: 1426) eigentlich ganz gut. Doch auch hier entschied die übersehene Mattdrohung zugunsten der Berlinerinnen. 0:4 also in Runde 4. Leider oder vielleicht zum Glück habe ich die Runde verpasst, weil sie nach drei Stunden zu Ende war.
Hamburg empfing mich mit einer Demo gegen die Energiekrise und der Politik der Bundesregierung („Karl muss weg!“). Doch dann gab es in der Jugendherberge viel zu erzählen und auch die lauter werdende Forderung oder Frage: „Fahren wir zur Deutschen…!“). Für gute Züge gab es noch einen Lolli für Nelly und dann hieß es Nachtruhe, um zur 5. Runde fit zu sein.
Offensichtlich hatte sich das Quintett noch einmal etwas vorgenommen. Sariana war wieder Ersatzspielerin, musste oder wollte aber gar nicht spielen.
Und die letzte Runde begann wieder mal schlecht. Nach 89 Minuten kam eine enttäuschte Maria zur Analyse. Allerdings war ihre Gegnerin, Rubina Arnold mit 600 DWZ-Punkten mehr ausgestattet. Im 8. Zug verlor sie Figur Nummer 1, im 18. Zug kam die zweite Figur hinzu bis zum schnellen Matt im 21. Zug.
Blickte man zu dieser Zeit auf das 2. Brett von Annabelle musste man mit einer schnellen Mannschaftsniederlage planen. Ähnlich wie Maria verlor sie bereits zu Beginn zwei Figuren und war dann völlig ohne Chance und gab, nach 38 Zügen, auf. Es stand 0:2 und doch war da so ein gewisses Knistern, eine Spannung. Nellys Partie kann durchaus als „vogelwild“ bezeichnet werden, stand sie doch, nach 21 Zügen, mit 2,3 im Minus. Doch plötzlich bekam unsere (übrigens vorbildliche) Mannschaftskapitänin Spiel und im Angriff ist sie unwiderstehlich. Und wenn dann Gegner oder Gegnerin noch ein kleines bischen hilft, ist Nellys Sieg ziemlich sicher. Nach über drei Stunden stand es also gegen den aktuellen Tabellenführer und klaren Favoriten 1:2. Doch der Höhepunkt folgte noch!

Anika

Anika

Und wieder stand Anika Schmitz (noch 0 DWZ) im Mittelpunkt. Ihre Gegnerin hieß lustigerweise wieder Christiana Patricia Grozea und diese hatte zunächst wohl alles im Griff. Es kam ein Endspiel mit je einem Turm, gleichfarbigen Läufern und gleicher Anzahl von Bauern auf das Brett, Anikas Gegnerin bildete einen Freibauern kurz vor der Verwandlung. Der Druck auf beide wuchs. Nur Anika schien diesen Druck gar nicht zu spüren, obwohl ihre gesamt Mannschaft die Partie beobachtete. Zunächst lehnte sie ein Remisangebot ab, gewann dann, mit starken Zügen, den Läufer, bekämpfte erfolgreich den schwarzen Freibauer und hatte dann auf einmal selbst einen neue Dame. Schon jubelte die Mannschaft, die Sensation kam immer näher: Dame mehr, 25 Minuten mehr Zeit nach der Zeitkontrolle. Ich hingegen blieb lieber im Analyseraum, weil ich Anika schon etwas kenne. Im Training und bei 2. Vereinsturnier gab es immer mal Probleme im Endspiel. Zunächst aber reklamierte sie eiskalt einen regelwidrigen Zug der Berlinerin, bekam zwei Minuten Zeitgutschrift. Doch dann stellte sie plötzlich im Mattangriff einzügig die Dame ein, was eigentlich höchstens in der AK u8 oder durch die Aufregung passiert. Was nun? Nun, man holt sich eine neue Dame! Und 13.14 Uhr, nach fast 5 Stunden, überbrachte uns Maria die „Frohe Botschaft“! Ein 2:2 Unentschieden gegen die TSG Oberschöneweide ist die Sensation dieser NDVM, sogar zwei Urkunden mussten neu geschrieben, weil nun die andere Berliner Mannschaft Norddeutscher Meister wurde.
Platz 4 für unsere Mannschaft stand allerdings schon vorher fest. Die Mannschaft zeigte in dieser letzten Runde aber kämpferische Qualitäten und Charakter und das ist aller Ehren wert!

SV Roter Turm u16w

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